Erotik und Religion – Buchrezension

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Wer die Gewalttätigkeit der monotheistischen Religionen verstehen will, muß über deren Sexualfeindschaft bescheid wissen. Mit der Verdrängung des Weiblichen in der Religion werden patriarchale Exzesse begünstigt – könnte die Kernaussage lauten. Das neue Buch „Erotik und Religion“ weckt im interessierten Leser Verständnis für diesen kulturellen Zusammenhang und führt historisch und anthropologisch in diese Thematik ein. Die Ausgrenzung weiblicher Götterbilder in der Geschichte und in den heiligen Schriften, das rabiate Leerräumen des gesamten Götterhimmels zugunsten von einsamen alten Herren, Jahwe, Gott und Allah, als eifer- und rachsüchtige Vernichter und Zerstörer, denen die Familien abhanden gekommen sind und die Konsequenzen daraus, Erkenntnisse aus der Primatenforschung – diese Geschichte erzählen die Autoren Franz Wuketits, Anton Grabner-Haider, Susanna Berndt und Lisz Hirn.

Die Qualität des Buches liegt darin einen weltumspannenden historischen Überblick zu verschaffen: welche kulturellen Veränderungen fanden schon in vorchristlicher Zeit in den Religionen und Gegenden der Welt statt und wie „krempelten“ dann die monotheistischen Religionen die Köpfe der Menschen vollends um in Richtung einer Enthumanisierung und Verrohung? Wie wird aus dieser menschlichen und kulturellen Verarmung Verachtung für sich selbst und gegen Andere aus verbitterter Liebesunfähigkeit? Die Autoren schildern die Unterschiede zwischen den natürlich gewachsenen, polytheistischen Religionen mit einem belebten und vielfältigen Götter- und Göttinnenhimmel ohne Proselytentum und der Monokultur der Ein-Mann-Psychopathen-Religionen mit eiferndem Missionsgebot. Vor diesem Hintergrund wird Jan Assmans These von der monotheistischen Religion als aggressive, religionsfeindliche „Gegenreligion“ verständlicher. Eine natürlich gelebte Sexualität ohne Herabsetzung und Verdrängung war einmal dominanter Bestandteil der Kulturen der Welt. Die dem Menschen einzig natürlich geschenkte, leicht erreichbare Form der Ekstase und Steigerung seiner Selbst in der Liebe ist der Anerkennung, Verehrung und Kultivierung wert. So lautet das zweite Fazit des Buches, ausgesprochen von der Autorin Lisz Hirn.

Das Thema Sexualität ist somit ein Schlüssel zum Verständnis der Dynamik von unerfüllter Liebe und Aggression. Obgleich die Autoren sich dem Thema Erotik und Religion aus biologischer, historischer und kultureller Sicht her nähern hätte ich mir ein vertiefendes Kapitel zur psychologischen Dimension von Lust und Gewalt gewünscht: z.B. zu Angst- und Zwangsstörungen die durch rigorose Sexualge- und Verbote entstehen, zu Askese und Selbstkasteiung, zur Gewalt gegen Kinder und gegen die eigene Bevölkerung in Pogromen und Verfolgung von vermeintlichen Herätikern als direkte Folge von religiösen Fehlorientierungen in den monotheistischen Religionen. Durch eine reiche Quellenangabe bleibt aber dem Leser offen sich weiter in die Thematik einzulesen.

Dragan Pavlovic, 11. Dezember 2015

Noch einige Zitate aus dem Buch als Appetizer:

„Die Völker des Alten Orients und Alteuropas, die Römer und Griechen vollzogen Riten der Fruchtbarkeit an heiligen Orten, um ihre Lebenskräfte zu stärken. In der Frühzeit waren Gaia und Eros im Gleichgewicht, erst in der Zeit der Hirtennomaden und der höheren Ackerbauern begann die Dominanz der Männer über die Frauen. Vor allem in den monotheistischen Religionen wurden alle Göttinnen von den Männerpriestern degradiert. In der jüdischen Bibel wird beschrieben, wie die Männerkrieger und Männerpriester die weiblichen Götterbilder und Kultorte systematisch zerstörten (Könige Joshija und Hiskija)“ (Seite 8)

„Damit verbunden war auch ein Prozess der Enterotisierung der Religion, die sexuellen Riten am heiligen Ort wurden nun verboten. Sie waren nach den Lehren der Priester dem Kriegergott Jahwe ein „Gräuel“.“ (Seite 8)

„Die indischen Mythen erzählen, dass die männlichen Götter (Brahma, Vishnu, Shiva) ohne ihre weiblichen Liebespartnerinnen gar nicht ganz sein könnten“. (Seite 10)

„Bereits die griechischen Sophisten (Antiphonos von Athen und Alkidamas Elis) erkannten, dass von der Natur her die Frauen und Männer, die Freien und die Sklaven, die Griechen und die Nichtgriechen völlig gleichwertig seien. Diese Lehren wurden von den Kynikern, den Stoikern und den Epikuräern weitergetragen und in der europäischen Kultur nie mehr vergessen, auch wenn sie lange Zeit politisch nicht durchgesetzt werden konnten.“ (Seite 11)

 

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